Von der Banalität des täglichen Rassismus

Die NSU-Morde haben Deutschland erschüttert. Es erschien uns unmöglich, dass in unserem so demokratischen Land Verbrechen wider aller Menschlickeit unbemerkt von allen Institutionen geschehen könne.

Tatsächlich sind sie geschehen. Mir, aber auch vielen anderen stellt sich die Frage, inwiefern Rassismus in unserer Gesellschaft verwurzelt ist. Oft ertappt man sich, dass man – ohne etwas zu denken – sagt „[…] ist doch so: Jedem das Seine“, „also mir hilft Arbeit sehr, ich denke, Arbeit macht schon frei“ … sind wir uns eigentlich bewusst, was wir da sagen? Ist uns bewusst, dass das diejenigen Worte waren, die jeden „begrüßten“, der das KZ Buchenwald, bzw. das KZ Auschwitz betrat? Wahrscheinlich nein. Und wenn wir uns dessen bewusst werden, dann ist es meist zu spät.

Ist das die einzige Form von Rassismus, die uns begegnet? Wohl kaum. Der Politiker Sebastian Edathy, Vorsitzender des NSU Untersuchungsausschusses im Bundestag, wird, wie er selbst im Cicero darlegt, zumeist als indisch-stämmig bezeichnet. Tatsache ist, sein Vater ist Inder. Geboren wurde Edathy in Deutschland. Ist er deswegen ein Inder? Bin ich deswegen österreich-stämmig, weil meine Familie österreichische Wurzeln hat? Bin ich deswegen weniger Deutsche?!
Kann es möglich sein, dass – Blick nach Österreich – der österreichische Bundespräsident im Trainingslager der Fußballnationalmannschaft vorbei schaut, sich mit Daniel Alaba auf Englisch unterhalten möchte und fragt, was er dort mache? Alaba reagierte cool und antwortete munter im schönsten Wiener Dialekt.
Wie bezeichnen wir den US-amerikanischen Präsidenten bisweilen in Zeitungen? „Der schwarze Präsident“! Sind wir nicht über solche Klischees hinweg? Sind wir nicht so tollerant? Anscheinend nicht. Stattdessen leben wir vielmehr in einer Gesellschaft mit gehöriger Doppelmoral. Liberal? Auf jeden Fall! Wohl kaum, wenn man sich die Entstehung von Rassismus anschaut.

Schließen möchte ich mit dem Gedicht Vater mein Vater des Schriftstellers Robert Gernhardt.

Vater, mein Vater!
Ja, mein Sohn, was ist?
Vater, mein Vater!
Wie werde ich Rassist?

Nun – ein Rassist hält nichts von anderen Rassen.
Du müsstest, beispielsweise, Neger hassen.

Den Neger? Nein, den haß` ich nicht,
den dummen schwarzen Mohr.
Ich haß`doch keinen Stinkemann,
wie komm ich mir da vor?

Nun gut, dann muss es eben anders gehen.
Wie ist`s – willst du vielleicht Chinesen schmähen?

Den Chinamann? Den schmäh ich nicht!
Dies Schlitzaug gelb und feig
ist nicht mal wert, dass ich ihm keck
den blanken Hintern zeig!

Das lehnst du ab? Dann musst du danach trachten,
zumindest den Indianer zu verachten.

Die Rothaut? Die veracht‘ ich nicht,
die ist kein Mensch wie wir,
die steckt sich Federn an den Kopf,
treibt’s schlimmer als ein Tier.

Na schön. Doch wie hälst du’s mit dem Weißen?
Willst du auf ihn und seinesgleichen scheißen?

Den Weißen? Auf den scheiß ich nicht,
er ist das Licht der Welt,
das die Kultur des Erdenballs
mit warmen Strahl erhellt.

Mein Sohn, ach mein Sohn!
Mein Vater, was ist?
Mein Sohn, ach mein Sohn,
du wirst nie ein Rassist!

Mein Vater, mein Vater,
warum werd ich den keiner?
Ach Heiner, mein Kleiner,
du bist ja schon einer.

Ehrlich? Wie herrlich.

 

Mit den besten Grüßen,
Ihre/Eure Allics

Ein Gedanke zu “Von der Banalität des täglichen Rassismus

  1. Ein nettes Gedicht – das die Frage aufwirft: Muss man andere (Bevölkerungs-)Gruppen hassen, um Rassist zu sein? Oder reicht es schon aus, die eigene (Bevölkerungs-)Gruppe gegenüber anderen zu erheben? Ab welchem „Abstand“ kann man von Rassismus sprechen?
    Ist das Bevorzugen eines Fußballvereins/Nationalmannschaft schon Rassismus?
    Ist das Vergleichen zwischen Familien („Wir haben ein besseres Auto als Müllers“ „Unser Sohn ist in der Schule besser als der von den Schmidts“) auch schon rassistisch geprägt?

    Zu den rassistischen KZ-Äußerungen:
    Ist derjenige schon ein Rassist, der rassistische Äußerungen verwendet, von denen er nicht weiß, dass sie rassistisch sind? Diese sind ja dann offensichtlich in einem un-rassistischen Kontext gedacht gewesen?
    Mehr Sorgen macht mir derjenige, der rassistische Äußerungen in vollem Bewusstsein des rassistischen Kontexts verwendet, denn hier ist ja ein Vorsatz zu vermuten….

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